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Wagenfelderin erlebt das schwere Erdbeben in Chile
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Trekkerfranz



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Wagenfelderin erlebt das schwere Erdbeben in Chile, 23 Mar. 2010 14:35


Wagenfelderin erlebt das schwere Erdbeben in Chile
-Wir sind mit dem Schrecken davongekommen-

Wie jedes Jahr seit 2007, verbrachte ich auch in diesem Winter die Monate Dezember, Januar und Februar in Talca/Chile.
Meine Freunde Franz Schubert und seine Frau Kathrein betreiben dort seit 1997 das Hotel “Casa Chueca”, eine wunderschöne Bungalow-Anlage im Grünen am Stadtrand von Talca.
Nunmehr als Ruheständlerin macht es mir Freude, meinen Freunden gelegentlich hilfreich zur Seite zu stehen, wenn es einmal nötig ist, sei es in Haus und Küche oder mal kurzzeitig als “Kindermädchen” für Michay, 5 Jahre und Amayu, 10 Monate.
Darüber hinaus reise und wandere ich gern in Chile und genieße das sommerlich mediterrane Klima Zentralchiles an der “Ruta del Vino” (Weinstraße). Mein “Wohnort” ist dann immer ein kleines Häuschen in der Nachbarschaft zum Hotel.

Am 26.Februar war ich nach einigen Wanderungen in den Bergen wieder in Talca, um dort die letzten Tage meines Aufenthaltes bis zu meinem Rückflug nach Deutschland am 03. März mit meinen Freunden zu verbringen.

“Gute Nacht, schlaft gut! Ich gehe jetzt rüber in mein Häuschen, bis morgen.”
Ich lege mich ins Bett und schlafe gleich ein.
Ein furchtbarer Krach schreckt mich plötzlich hoch. Alles wackelt bedrohlich, die Möbel hüpfen, schlingern, Keramikfiguren, Schüsseln poltern zu Boden und zerschellen, die Fenster springen auf. - Erdbeben! - Barfüßig im Nachthemd gelingt es mir über Scherben, mich ins Freie zu hangeln. An dem Pfosten einer Pergola klammere ich mich fest. Die Erde schwingt, alle Häuser wackeln, das Wasser schwappt aus dem Teich. Gut, dass ich Halt habe. Endloses Poltern und Wackeln. Auf einmal Ruhe. Mir zittern die Knie. Ich hole tief Luft und schaue mich um, raffe meine Sinne zusammen.
“Alles o.k.?” “Ja, ja, mir ist nichts passiert.” Mein Vermieter kommt mit Stirnlampe auf mich zu. Er schaut sich mein Häuschen an und schließt die Fenster. Jemand ruft meinen Namen. Es sind Olaf und Christian, Mitarbeiter meiner Freunde. Sie klettern gerade übers Eingangstor, um nach mir und den Nachbarn zu sehen. Die Häuser auf diesem Terrain haben es ausgehalten, grobe Schäden sind in der Nacht erst einmal nicht zu entdecken.
Ich gehe mit hinüber zu meinen Freunden. Die Straße hat einen breiten, 2m tiefen Riss. Aber der Vollmond leuchtet, wir können gut sehen. Auf dem Hotelparkplatz sind Freunde und Gäste versammelt. Man merkt ihnen den Schrecken an. Alle wirken irgendwie verstört. Kathrein bemüht sich, die Kinder in den Schlaf zu wiegen, Angst und Sorgen zu verdrängen. Im Privathaus sieht es wüst aus.
Franz hat schon gehandelt, unterstützt von Olaf und Christian. Einige Gäste können in Minibussen unterkommen, Trekkingzelte werden aufgebaut, oder man verbringt den Rest der Nacht auf Matratzen im Freien. Eine junge Familie mit einem 2 Wochen alten Säugling sucht Zuflucht. Sie ziehen ins Campmobile ein. Wir haben kein Wasser aus der Leitung, keinen Strom, keine Telefonverbindung, auch nicht per Handy. Nichts! Wir sind bedrückt.
Ich gehe wieder in mein Häuschen, hole mein Bettzeug und lege mich damit draußen auf die Sonnenliege. Ich schlafe nicht mehr, warte auf den Sonnenaufgang.

Als ich am nächsten Morgen in die Hotelanlage komme, werde ich erleichtert begrüßt. Das Restaurant ist schon aufgeräumt, Scherben sind beseitigt und viele Liter Wein sind aufgewischt. Hier ist nicht viel passiert. Fleißige Hände richten das Frühstück. Lebensmittel sind noch reichlich vorhanden. (Insgesamt sind wir 30 Personen, das Hotel ist fast ausgebucht.). Wir stärken uns mit Käsebroten, Müsli und Nescafé.

Alle Häuser sind stehen geblieben, niemand ist zu Schaden gekommen. Welch ein Glück!
Wir organisieren unser tägliches Leben. Trinkwasser aus dem Brunnen, Brauchwasser aus dem Swimmingpool, nur die Toiletten am Restaurant dürfen benutzt werden. Gas haben wir aus Tanks für die Küchenherde zum Kochen.
Gemeinsam begeben wir uns ans Aufräumen, alle helfen kräftig mit, auch die meisten Gäste.
Im Privathaus sind die Bücherregale umgefallen, Küchenutensilien und zersprungenes Geschirr, vermischt mit dem Putz, der von den Wänden rieselt, bedecken den Boden. Im Putz sind Risse.
Auch im Büro herrscht Chaos, Regale und Akten haben die Computer unter sich begraben.
Draußen zieht ein Sommertag herauf. Man könnte meinen, es sei nichts geschehen.
Am Nachmittag stehen alle Dinge mehr oder weniger an ihrem Platz. Die Räume sind geputzt. Wir entdecken nur geringe Schäden an den Häusern. Gott sei Dank!
Aber wieder bebt die Erde. Nur Stufe 5 - 6, das Gebälk ächzt, wieder laufen wir von den Häusern weg.
Wir schalten Autoradios ein. Ein einziger Sender ist zu empfangen. Wir hören Berichte über unglaublich dramatische Situationen, die das Beben der Stärke 8,8 und der anschließende Tsunami angerichtet haben. Menschen suchen Ihre Angehörigen oder bitten um Hilfe.
Wir probieren wieder über Handys Kontakt aufzunehmen. Nichts.
Franz holt sein Sattelitentelefon und wir können unsere Angehörigen kurz informieren, dass es uns hier allen gut geht.
Einige der chilenischen Mitarbeiter finden sich bei uns ein und berichten von ihren beschädigten Häusern, Ängsten und Nöten. Julanda bangt um ihre Angehörigen, die in Nachbarstädten leben, sie weint. Meine Freunde machen sich auf den Weg zu weiteren Teammitgliedern, von denen wir nichts wissen, um Hilfe anzubieten
Abendessen gibt es früher als sonst, weil wir ja keinen Strom haben. Später erledigen wir den Abwasch im Licht unserer Stirnlampen. Zwischendurch erfreut uns Michay mit seinen kindlichen Späßen und seinem Charme.
Kerzen und Laternen mit Teelichtern stehen auf unseren Tischen. Es gibt noch Wein. Wir trinken auf unser Glück! Ein Gast nimmt sich die Gitarre spielt und singt. Wir singen mit, zaghaft.
Wieder wackelt alles. Aber wir sind ja schon draußen auf der Terrasse. Keine Aufregung, nur angespannte Gesichter.
Immer wieder bebt die Erde mit Stufe 4,5 und 6, scheucht uns auf, 50mal in kurzen Abständen.
An den nächsten Tagen wagen wir uns in das Stadtzentrum. Wir sind geschockt. Im Zentrum sind viele alte Häuser eingestürzt, einfach platt. Der Schutt liegt in den Straßen. Eine Kirchturmspitze ist abgebrochen. Fast alle Gebäude haben irgendwelche Schäden. Geschäfte sind verschlossen. Menschen versuchen verzweifelt irgendwo Lebensmittel zu ergattern. Durch geöffnete Fenster verkaufen Händler, das was sie noch abzugeben haben. Tumult vor einem Lager bei der Ausgabe von Mehlsäcken. Polizisten greifen ein. Die Schlangen wartender Menschen werden immer länger.
Es gibt Zeitungen, aber die sind bald ausverkauft. Soldaten patrouillieren, gehen gegen Plünderungen vor. Die Atmosphäre ist bedrückend.
Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang ist Ausgangssperre.

Wir schildern im Hotel unsere Eindrücke. 2 Zeitungen gehen von Hand zu Hand. Die ersten Handys haben wieder Empfang. “Von Mund zu Mund” per Anruf oder SMS bekommen wir jetzt weitere Informationen über die Situation in anderen Orten. Radiosender funktionieren wieder. Wir erhalten Berichte und Meldungen. Das Ausmaß der Katastrophe dringt in unser Bewusstsein. Bestürzung macht sich breit. “Wir müssen etwas tun!“ Sind Kathreins Worte und meine Freunde beginnen, Hilfe zu organisieren.

Wir Touristen denken jetzt an unsere Abreise. Mit kleinen Bussen und Umsteigen gelangen wir teils über die Autobahn und teils auf Umleitungen an eingestürzten Brücken und zerstörten Straßen vorbei nach Santiago.
Die Weiterreise nach Deutschland ist von jetzt an so easy, dass sie hier nicht erwähnt werden muss. Am Freitag, 05.März komme ich erschöpft und müde, aber wohlbehalten in Frankfurt an. Dennoch, der Schrecken, der Anblick der Zerstörungen und die Verzweiflung vieler Menschen haben sich mir für immer eingeprägt. Es wird Monate dauern bis Normalität in den betroffenen Regionen wieder Einzug halten kann.
Deshalb liegt mir die Hilfe für die Erdbebenopfer in Chile in besonderem Masse am Herzen.
Helga Cramer, Wagenfeld, den 11.März 2010

Sie möchten sich an der Hilfe beteiligen?
Dann können Sie spenden an:

Georg-Kraus-Stiftung
Dresdner Bank Hagen
Bankleitzahl: 450 800 60
Kontonummer: 923 688 000
Stichwort: Hilfe für Erdbebenopfer in Chile

Bitte geben Sie Ihre Adresse an, damit sie nach 8 Wochen automatisch eine Bescheinigung erhalten können.
Bis 200 Euro reicht die Quittung des Überweisungsträgers für die Steuererklärung
Sie können aber auch schon ab 50 Euro eine Bescheinigung erhalten, wenn Ihre Adresse vorliegt und Sie es wünschen.

Die Georg-Kraus-Stiftung fördert Hilfen und Projekte, die den Betroffenen zu 100 Prozent direkt zu Gute kommen.
Weitere Informationen und Formulare zum Herunterladen finden Sie im Internet unter: georg-kraus-stiftung.de


P.S. Im Internet unter:
http://www.trekkingchile.com/DE/stiftung-projekte-long.php?id=189 sind die Hilfsaktionen dokumentiert, die nicht nur eine Soforthilfe, sondern auch mittelfristige Projekte umfassen.

 
     
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